Dienstag, 29. November 2011

Winter statt Herbst

Der goldene Herbst war dann doch nur eine kurzzeitige Wetterberuhigung. Binnen einer Woche ist grauer und tiefster Winter eingezogen mit frostigen Temperaturen und trüber (Aus-)Sicht. Wieder einmal Unbegreifliches ist geschehen und auch der sechste Trainer innerhalb von zwei Jahren scheint an einer Mannschaft zu verzweifeln, die nicht in der Lage ist, Zweitligamittelfeldmannschaften in Bedrängnis zu bringen, geschweige denn mal ein mitreißendes Spiel an den Tag zu legen. Die einzige Konstante beim VfL scheinen wieder einmal die Kommentare der Verantwortlichen nach den Spielen zu sein. Man habe sich ja viel vorgenommen, habe nicht ins Spiel gefunden, sei sehr enttäuscht und es müsse unbedingt eine Reaktion erfolgen. Der Verein demontiert sich Woche für Woche selbst und das Spiel des Jahres am 20. Dezember wird nichts anderes werden als der Gnadenstoß eines verlorenen Jahres. Und "nein", lieber Kapitän Dabrowski, dass war in Braunschweig kein Spiel zum vergessen. Die Fans und wohl besonders die Spieler haben in den letzten Monaten schon viel zu viel vergessen. Ich halte es da ganz mit Bismarck: Vielleicht irgendwann einmal vergeben. Aber vergessen werde ich das zuletzt Gebotene niemals.
Unerklärlich ist mir, dass eine Mannschaft mit durchaus ansprechendem individuellem Potential nicht zueinanderfindet. Dass trotz einer offensiven Ausrichtung keine Torgefahr entsteht und dass keiner der Feldspieler willens und oder in der Lage ist, ein Signal zu setzen und versucht, die Mitspieler, oder richtiger: Nebenspieler, mitzureißen. Plan- und ideenlos, ungenau, blutleer. Und mit dem sportlichen Niedergang schwinden die wirtschaftlichen Möglichkeiten und somit die Chancen für eine Rückkehr ins Oberhaus immer weiter. Und ich sehe niemanden, der diesen Abwärtsstrudel stoppen kann. Vielleicht sollte man Rolf Schafstall für eine Kabinenpredigt aktivieren.
Was mich auch sehr nachdenklich stimmt, sind die immer weiter zunehmenden Ausfälle auf den Zuschauerrängen. Diejenigen, die vorgeben den Fußball und ihren Verein zu lieben, machen nicht nur den sportlichen Fair-Play-Gedanken sondern ihre Clubs kaputt. Von wegen Fußballkultur und Emotionen respektieren. Hass, Gewalt, Rücksichtslosigkeit und Selbstinszenierung. Das sind die Beweggründe der Rüpel. Dynamo Dresden und Hansa Rostock, beide finanziell am Stock gehend, werden gerade durch einen Teil ihrer Zuschauer derart geschadet, dass nicht weniger als deren Existenz auf dem Spiel steht. Und die Clubs haben alleine keine Chance, dieser Entwicklung erfolgreich und nachhaltig entgegenzutreten. Ich konnte einige Jahr hautnah miterleben, mit wie viel Energie und Leidenschaft bei wenig Geld in Rostock eine erstklassige Jugendarbeit betrieben wurde, gekrönt von der Deutschen A-Junioren-Meisterschaft 2010 und mit enormer Ausstrahlung im ganzen Bundesland. Das alles ist in akuter Gefahr. Die gesellschaftspolitisch so wichtige Arbeit mit Jugendlichen droht wegzubrechen, wegen einiger Krawallmacher und Krimineller. Neben den zwangsläufig immer harter werdenden Strafen des DFB (Pokalausschluss, Zuschauerausschluss) sollten die Vereine, wenn sie nachweislich kein Verschulden trifft, bei den finanziellen Einbußen Solidarität erfahren. Wenn das Problem als ein gesamtgesellschaftliches gesehen wird, dann muss es auch zusammen bekämpft werden und es muss eine gemeinsame solidarische Linie der Vereine geben. Aber auch die schweigende Mehrheit der anderen Fans sind in der Pflicht. So wie Herr Tönnies im Schalke-Block Courage gezeigt hat, sollten es auch andere machen. Die 5.000 Euro, die der VfL wieder einmal für die "südländische Stimmung" im Sportpark Unterhaching aufgebrummt wurden (und das was nach dem Braunschweig-Spiel an Strafe hinzukommt, und die 5.000 Euro Strafe für Leverkusen, die 8.000 für Düsseldorf, die 7.000 für den HSV,...) sollte denjenigen aufgebrummt werden, die sich dort daneben benommen haben. Und vielleicht sind nach Stadionverboten dann personifizierte Karten für Auswärtsspiele das nächste unumgängliche Mittel, um der Eskalation auf den Rängen endlich Einhalt zu gewähren.

Geschrieben für die Westline-Kolumne

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